Veröffentlicht am 17. Juli 2026, 13.06 Uhr
Eine wahre Geschichte – so passiert am Rande des Ingobertusfestes in der Nacht von Samstag auf Sonntag
Foto: Maria Müller-Lang
Eine Frau mit einem langen Mantel, der für die Temperaturen eigentlich viel zu warm ist, und einem übergroßen Strohhut läuft langsam und müde lange nach Mitternacht mit ihren großen Einkaufstaschen voller Pfandflaschen Richtung Unterstadt. Bestimmt ist sIe dem ein oder anderen auf dem Fest ebenfalls aufgefallen. Im Vorbeigehen spricht sie einen jungen Mann an und erkundigt sich, ob er zufällig weiß, ob die Tankstelle weiter unten noch geöffnet hat. „Das weiß ich leider auch nicht…kann ich vielleicht sonst irgendwie helfen?“, fragt er. „Dann wohl eher nicht. Ich wollte nur den Weg nicht unnötig laufen, ich bin jetzt schon ganz kaputt. Mein Zug geht erst in ein paar Stunden…“, antwortet sie.
Der junge Mann bleibt an ihrer Seite und läuft mit ihr ohne Worte langsam weiter. Für ihn fühlt es sich nicht richtig an, die Frau stundenlang alleine zu lassen. Irgendwo nach der Polizei bleibt die etwas ältere Frau stehen und sagt, dass sie nicht mehr laufen kann. Sie zieht ihren Mantel aus, legt ihn zu einem Kissen zusammen und setzt sich auf den Bürgersteig. Der junge Mann setzt sich neben sie auf den Boden. Die Frau ist erstmal erstaunt und beginnt dann zu erzählen: „Für mich war das heute ein richtig guter Tag. Zuerst habe ich am Morgen auf dem Flohmarkt diesen tollen Mantel für 5 Euro gekauft, obwohl er eigentlich 10 kosten sollte. Den Strohhut haben sie mir sogar noch dazu geschenkt. Und heute Abend habe ich so viele Flaschen gesammelt…so gute Tage habe ich selten.“ In aller Ruhe hört der junge Mann zu und freut sich mit ihr.
So sitzen die Beiden da und unterhalten sich über Gott und die Welt, bis ein weiterer Mann dazukommt, der ebenfalls mit vollen Flaschentüten beladen ist. Er fragt, ob er sich dazusetzen darf. „Bist du ein Streetworker?“ lautet seine erste Frage. „Nein, ich bin einfach nur Christopher und habe Zeit.“ Der andere Mann ist baff erstaunt: „Das ist echt Hammer. Es kommt selten vor, dass ein Normalo mit uns spricht…und schon gar nicht setzt er sich zu uns.“ Christopher lacht und sagt, dass es kein Problem sei, er hätte keine Eile.
Und nun erzählt der andere Mann von seinem Tag. „Was für ein Glückstag heute hier in St. Ingbert. Ich habe mir so viele Live-Bands angehört, bin von Bühne zu Bühne gelaufen, weil es so tolle Musik gab. Und ich habe so viel Pfand gesammelt, wie selten in meinem Leben. Aber das Beste war, dass ich nicht einmal ausgeschimpft oder angepöbelt wurde…echt supernette Leute hier in der Stadt.“
Die drei Gestrandeten unterhalten sich und jeder erzählt ein bisschen aus seinem Leben, das mehr oder weniger nicht immer in geordneten Bahnen verlief. Dann ist plötzlich die Nacht schon fast vorbei und Christopher steht auf, um sich zu verabschieden. „Ich muss los, meine Freundin wartet bestimmt schon auf mich.“ Die beiden anderen heben die Hände zum Gruß. „Ach, übrigens, ich heiße Martina.“ „Ach was, ich heiße Martin.“ Und dann müssen alle drei laut lachen. „Dann passt das ja mit euch beiden,“ sagt Christopher, „vielleicht sehen wir und ja mal wieder und passt auf euch auf. Würde mich freuen…“
Und dann trennen sich die Wege. Nach der Geschichte sage ich zu Christopher, dass ich große Hochachtung vor ihm habe. Seine Antwort war ziemlich einfach: „Warum? Ich habe die Menschen doch nur mir Respekt behandelt.“ Und jetzt habe ich noch viel mehr Hochachtung!



