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Industrieareal Alte Schmelz, Lithographie von 1913

Die Hausherrin auf Schloss Elsterstein: Maria Kraemer, geborene Stumm. Gemälde von Karl Friedrich Johann von Müller

08.03.2021

Internationaler Frauentag: Einblick in das Leben der "Schmelzerinnen"

Die Historikerin Dr. Susanne Nimmesgern gibt einen Einblick in das Leben der Schmelzerinnen: Wie sahen einst die Lebensverhältnisse von Frauen in St. Ingbert aus?

St. Ingbert ist eine Stadt mit verschiedenen Facetten: Heute ein modernes Dienstleistungszentrum mit zahlreichen Arbeitsplätzen in der Industrie wie auch in neuen Technologien und Bestandteil des von der UNESCO zertifizierten Biosphärenreservates. Im Gegensatz dazu früher ein Waldbauerndorf, das im Zuge der Industrialisierung zu einer der wichtigsten Industriestandorte Bayerns geworden war… Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich mit St. Ingbert zu beschäftigen, verschiedene Blickwinkel, die jeweils spannende Einblicke gewähren.

Einer davon ist die frauenspezifische Perspektive. Lassen Sie uns einfach auf Entdeckungsreise gehen, z.B. auf der Alten Schmelz, dem ehemaligen St. Ingberter Eisenwerk, das bereits im Jahr 1733 gegründet wurde. Zwar geht man gemeinhin davon aus, dass es sich bei einer Eisenhütte um eine reine Männerdomäne handelt, und diese Vorstellung ist auch weitgehend zutreffend. Dennoch – und vielleicht gerade deshalb – lohnt es sich, genauer hinzuschauen und sich auf Spurensuche zu begeben: So stand mit Catharina Loth eine Frau an der Wiege des Eisenwerks! Als Ehefrau des ersten Pächters entstammte sie einer Familie von Hammerschmieden und Eisenschmelzern, die bereits über Generationen quer durch Europa zogen, um ihre Fachkenntnisse in die Herstellung von Eisen und Stahl einzubringen. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Schwager baute sie das St. Ingberter Werk auf und kümmerte sich zudem um ihre kinderreiche Familie und die Landwirtschaft. Kaum zehn Jahre später verstarb ihr Mann und sie übernahm stellvertretend für ihre noch minderjährigen Söhne die Leitung des Unternehmens, die sie bis zu ihrem Lebensende nicht mehr aus den Händen gab. Als erfolgreiche Unternehmerin war sie hochgeachtet und allseits als faire Geschäftspartnerin respektiert. Nach ihrem Tod im Februar 1762 wurde die katholische „Lothin“ neben den St.Ingberter Pfarrern vor dem Altar der wenige Jahre zuvor erbauten Engelbertskirche beigesetzt. Eine sehr große Ehre, die bis heute nur wenigen Menschen zuteilwurde!

Eine Generation später übernahm eine weitere Frau auf der Alten Schmelz das Ruder, die St. Johanner Kaufmannstochter Sophie Krämer, geborene Firmond. Anders als Catharina Loth hatte sie eine gute Bildung genossen, schließlich entstammte sie einer angesehenen, protestantischen und äußerst wohlhabenden Saarbrücker Händlerfamilie. Ihren Mann Philipp Heinrich Krämer, ursprünglich im pfälzischen Alsenborn ansässig, ebenfalls Spross einer Kaufmannsdynastie, lernte sie über gemeinsame St. Johanner Verwandte kennen. Mit ihm zog sie später nach St. Ingbert, wo ihr Mann die Leitung des Eisenwerks übernommen hatte. Nach seinem frühen Tod trat sie an die Spitze des Unternehmens und entwickelte es erfolgreich weiter. Sie schaffte es, das Werk käuflich vom Sohn der Marianne von der Leyen zu erwerben und baute massive Häuser für die Arbeiter und Angestellten. Die unter Denkmalschutz stehende Werkssiedlung ist eine der ältesten in Deutschland, die aus dem Zeitalter der Industrialisierung stammt. Sie dokumentiert anschaulich die frühe Sozialpolitik der Unternehmer und gibt Auskunft über die Lebensweise ihrer Bewohner*innen.

Als Sophie Krämer im November 1833 in ihrem 71. Lebensjahr verstarb, waren auf der Schmelz die Weichen für das moderne Industriezeitalter gestellt. Die Ära der Unternehmerinnen war mit ihr jedoch zu Ende. Im fortschreitenden 19. Jahrhundert vollzog sich die räumliche Trennung vom Erwerbs- und Familienleben, damit einhergehend wurde die Frauenrolle zunehmend auf die der Hausfrau und Mutter eingeengt. Den Töchtern und Enkeltöchtern von Sophie Krämer waren künftig Repräsentationen nach außen vorbehalten. Sie standen dem Haushalt vor, pflegten eine gehobene Gastlichkeit und waren karitativ tätig. Nicht zu vergessen wurden die Töchter – sobald sie ins heiratsfähige Alter kamen - zu einem Aktivposten vorausschauender Unternehmenspolitik. Als Mitgift brachten sie ihre Anteile am väterlichen Betrieb in die Ehe ein. Des Weiteren sorgte eine Heirat für friedliche Absprachen statt störender Konkurrenz unter den Firmen, erweiterte das Ansehen sowie das Vermögen und die Einflusssphäre. Sie traten nicht mehr als eigenständige Persönlichkeiten an die Öffentlichkeit, sondern wirkten – ganz dem bürgerlichen Familienideal des 19. Jahrhunderts entsprechend – „im Stillen“.

Während die Damen der Unternehmerfamilie nur noch selten auf dem Werk zu sehen waren, schuf die fortschreitende Industrialisierung wiederum Erwerbsmöglichkeiten für Frauen aus dem einfachen Volk. Angefangen mit hauswirtschaftlichen Aufgaben in den Werkskantinen und im Schlafhaus, wurden weibliche Arbeitskräfte seit dem Ersten Weltkrieg auch direkt in der Produktion beschäftigt. Zunächst halfen sie beim Granatendrehen, in friedlicheren Zeiten kamen sie vor allem im Drahtwerk und in der Nagelherstellung zum Einsatz. Im Zweiten Weltkrieg mussten – wie anderswo auch – ausländische Zivilinternierte in der Rüstungsschmiede Zwangsarbeit leisten, darunter viele junge Frauen aus der Sowjetunion. Auch über ihre Schicksale und ihren Alltag sind mittlerweile einige Aspekte bekannt.

Die Strukturkrise, die seit Mitte der 1970er Jahre die Stahlindustrie erfasste, führte schließlich in St. Ingbert zur Aufgabe von Produktionsbereichen und zum massiven Abbau von Arbeitsplätzen. Diesem Prozess fielen auch etliche im Werk beschäftigte Frauen zum Opfer. So ging die Ära der industriellen Frauenarbeit auf der Schmelz Anfang der 1990er Jahre zu Ende.

Auch außerhalb der Alten Schmelz haben Frauen in St. Ingbert ihre Spuren hinterlassen. Sie arbeiteten in der Landwirtschaft, im Haushalt wie auch Fabriken und seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend in Ladenlokalen und Kontoren. Ihr Wirken und ihre Lebensbedingungen haben jedoch nur selten Eingang in die allgemeine Geschichtsschreibung gefunden. Hier bedarf es besonderer Anstrengungen und spezifischer Fragestellungen, um die spärlich vorhandenen Quellen zum Reden zu bringen.

Bezugnehmend zu diesem spannenden Thema sind zwei Führungen zur Begegnung mit der Vergangenheit aus weiblicher Perspektive in Planung, sobald es die Coronabeschränkungen zulassen. Diese werden in den lokalen Medien angekündigt.

Geplante Führungen bzw. Vorträge:

  • Frauenleben auf dem St. Ingberter Eisenwerk:
    Von Unternehmerinnen, Direktorengattinnen, Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen

Bei einem Spaziergang über das denkmalgeschützte Ensemble der Alten Schmelz lassen sich noch etliche Spuren finden, die den Alltag der einstigen Bewohnerinnen und ihrer Familien wieder zum Leben erwecken: Auf der einen Seite die strenge Firmenchefin Sophie Krämer, die die Kontrolle über die Arbeiterbevölkerung behalten will, ihnen bei Schicksalsschlägen aber zur Seite steht. Auf der anderen Seite die Arbeiterfrau, die ihrem Mann den Rücken frei hält, damit er unbelastet von Alltagssorgen seiner Erwerbsarbeit nachgehen kann oder die Arbeiterin, die in den Weltkriegen schwere Arbeit verrichtet und nach Rückkehr der männlichen Arbeiter wieder in die zweite Reihe verwiesen wird.

  • Hinter hohen Mauern: Die Hausherrin auf Schloss Elsterstein

Hoch über der Stadt St. Ingbert lag einst das Schloss Elsterstein, das sich ein reicher Kaufmann als Wohnsitz erbauen ließ. Die Unternehmerfamilie Kraemer übernahm es 1843 mitsamt eines hübschen Parks und des umgebenden Waldes und baute es zu einer repräsentativen Residenz aus. Rund 60 Jahre stand Maria Elisabetha Kraemer, eine Schwester des Neunkircher Hüttenpatriarchen Carl Ferdinand Stumm, dem Hauswesen vor. Zu ihren Aufgaben gehörte es, neben der Haushaltsführung eine gehobene Gastlichkeit zu pflegen und rauschende Feste zu organisieren, aber auch caritativ tätig zu sein. Das Schloss ist längst untergegangen, doch bei einem Rundgang durch den Park mit seinem teils exotischen Baumbestand erwacht durch zeitgenössische Texte und Bilder Schloss Elsterstein samt seiner Bewohner*innen und illustren Gäste zu neuem Leben.

Wer mehr wissen möchte über diese starken Frauen in St. Ingbert, kann die interessante Geschichte in dem Buch "Die Schmelzerinnen" von Susanne Nimmesgern nachlesen.


Die Schmelzerinnen – Unternehmerinnen, Hüttenfrauen,
Zwangsarbeiterinnen auf dem St. Ingberter Eisenwerk

St. Ingbert, 2010 / 2012, ISBN 978-3-86110-485-8
Hrsg.: Initiative Alte Schmelz e.V. / Röhrig Verlag
Broschiert, 220 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Preis: 19,80€