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Foto: Michael Hassdenteufel

08.05.2018

Quartett der Freundschaft

Oberbürgermeister würdigen 30 jährige Städtepartnerschaft St. Ingbert- Radebeul

Gleich vier Oberbürgermeister sprachen anlässlich des Festaktes zur Städtepartnerschaft im Kuppelsaal des St. Ingberter Rathauses und brachten in ihren Beiträgen Freude und Stolz, aber auch Dankbarkeit und Demut über das Erreichte zum Ausdruck.
Die amtierenden Oberbürgermeister Hans Wagner und Bert Wendsche, sowie Altbürgermeister Winfried Brandenburg und Volkmar Kunze ließen die vergangenen Jahre mal heiter, mal besinnlich Revue passieren und präsentierten den Gästen ein farbenreiches, spannendes Bild gelebter Städtepartnerschaft. Passend zum festlichen Rahmen und den bunten Darstellungen aus der Vergangenheit wurde die Ausstellung "Erfundenes – Gefundenes im Dorealismus" der Radebeuler Künstlerin Dorothee Kuhbandner mit ihren farbenfrohen Bildern in der Rathausgalerie eröffnet.

Oberbürgermeister Hans Wagner bezeichnete in seiner Ansprache in Anlehnung an Hans-Dietrich Genscher die in Städtepartnerschaften engagierten Bürger als "Botschafter ehrenhalber". Denn "einerseits haben diese Menschen, die die Partnerschaft zwischen zwei Städten zu ihrem eigenen Anliegen machen, eine Botschaft zu verkünden. Und andererseits haben sie diplomatisches Geschick an den Tag gelegt, um Verständigungsprozesse in Gang zu setzen oder wieder anzukurbeln." Hans Wagner betonte, dass die Partnerschaft mit Radebeul zum Teil des St. Ingberter Alltags geworden sei und verwies auf den "vertrauten Anblick des Radebeuler Weinberges" unterhalb des ehemaligen St. Ingberter Bahnhofs. Der St. Ingberter Oberbürger-meister skizierte die zahlreichen gemeinsamen Unternehmungen und Treffen beider Städte wie z. B. Bürgerfahrten oder die Teilnahme an verschiedenen Festen der jeweiligen Städte. Neben den allgemeinen politischen Hintergründen der Vergangenheit und Gegenwart legte Hans Wagner damit den Fokus auf das menschliche und private, denn "vor allem die persönlichen Beziehungen sind sozusagen der Kitt, der unsere Freundschaft zusammenhält."

Oberbürgermeister Bert Wendsche aus Radebeul erwähnte schmunzelnd, dass die Unterzeichnung der Partnerschaft mit dem saarländischen St. Ingbert vom 24. Juni 1988, auch der Tatsache geschuldet sei, dass der „oberste Dachdecker der ehemaligen DDR“ ein gebürtiger Saarländer war. In bewegenden Worten brachte er auch seinen Dank zum Ausdruck für die jahrelange Unterstützung westdeutscher Kommunen gegenüber ihren ostdeutschen Pendants. Und auch Oberbürgermeister Bert Wendsche bezog sich in seinen Ausführungen gerne auf den Weinberg:
"Irgendwie ist jede Partnerschaft, jede Städtepartnerschaft wie ein Weinberg. Sie muss gehegt und gepflegt werden, damit sich der gewünschte Ertrag einstellt. Umso älter der Weinstock, umso reifer, um so edler der Wein. Kein Jahr ist wie das andere."

Mit Beiträgen der Alt- Oberbürgermeister Winfried Brandenburg und Volkmar Kunze und der Eintragung aller vier Oberbürgermeister ins Goldene Buch der Stadt endete der Festakt, der musikalisch würdig vom Becker-Chor begleitet wurde.

Hier geht es zu den Bildern von Michael Hassdenteufel

https://www.flickr.com/photos/stadtsanktingbert/albums/72157695889854194/with/27081699077/

Rede des Radebeuler Oberbürgermeisters Bert Wendsche

Festakt 30 Jahre Städtepartnerschaft Radebeul – St. Ingbert am 06.05.2018 in St. Ingbert
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Wagner, Lieber Hans,
Sehr geehrte Herren Oberbürgermeister a.D. Dr. Brandenburg und Dr. Kunze,
Liebe St. Ingberterinnen und St. Ingberter,
Liebe Mitglieder der Radebeuler Delegation,
Sehr geehrte Gäste,
nachdem 1986 die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft, nämlich jene zwi-schen Saarlouis und Eisenhüttenstadt besiegelt wurde, dauerte es weitere zwei Jahre bis es dann zwischen unseren beiden Städten so weit war. Am 24. Juni 1988 fand in Radebeul und am 28. September 1988 in St. Ingbert der feierliche Unterzeichnungsakt statt.
Dass auf westdeutscher Seite gerade saarländische Städte am Beginn deutsch-deutscher Partnerschaften standen hatte seine Ursache bekanntlich darin, dass der „oberste Dachdecker der ehemaligen DDR“ ein gebürtiger Saarländer war.
Und dass es dabei gerade zwischen unseren beiden Städten zu einer Partner-schaft kam, hatte vor allem mit den langjährigen und intensiven Wirtschaftskon-takten zwischen der damaligen St. Ingberter Firma Haaf und der Radebeuler Firma VEB Planeta Druckmaschinen zu tun. Eine zukunftsweisende Symbolik - die Wirtschaft legte den Grundstein unserer Partnerschaft.
Seitdem sind 30 Jahre vergangen – eine beachtliche, eine bewegte Zeit.
*
Lassen Sie mich meine heutigen Worte unter den Dreiklang „Momente – De-mut – Träume“ stellen.
MOMENTE. 30 Jahre einer jeden Partnerschaft, so natürlich auch unserer Städ-tepartnerschaft, sind ein bunter Reigen von Erlebnissen, Eindrücken und Erinne-rungen. Einige seien nachfolgend angesprochen:
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? Manch einer erinnert sich vielleicht noch an die diversen Hürden und Episo-den der Begegnungen im anfänglich noch geteilten Deutschland. Bildlich ver-trug das West-Fahrzeug (Mercedes-Sprinter) den Ost-Diesel nicht und das Ost-Fahrzeug (Barkas) selbigen des Westens nicht. Mit viel Improvisations-kunst ging letztlich dann doch alles gut und die Partnerschaft nahm sinnbild-lich Fahrt auf.
? Tief eingeprägt hat sich mir die Erinnerung an die Verabschiedung von Dr. Brandenburg als Oberbürgermeister mit großem Zapfenstreich der St. Ingber-ter Wehren. Für mich in meinen damals noch jungen Amtsjahren war er wie ein väterlicher Freund.
? Gut in Erinnerung ist die finanzielle und vor allem logistische Unterstützung beim Jahrhunderthochwasser der Elbe im Jahr 2002. Hier sind vor allem die Kameradinnen und Kameraden unserer beiden Feuerwehren zu nennen. Eine Partnerschaft, die bis heute aktiv gelebt wird.
? Ich kann mich noch gut an die schockierenden Bilder in den deutschlandwei-ten Abendnachrichten erinnern, als die St. Ingberter Josefskirche brannte. Hier konnten sich die Radebeuler ihrerseits helfend einbringen.
? Genannt seien die zahlreichen Begegnungen der Kultur, ob gegenseitige Chorbesuche – Liederkranz 1844 oder Männergesangsverein Frohsinn -, ob Ausstellungen – Hassdenteufel, Retzlaff oder Kuhbandner -, ob Konzerte – Christian von Blohn oder Benny Gerlach - oder Lesungen – Manfred Kelleter und Jürgen Bost -, immer wieder neue Facetten des Austausches, der Berei-cherung.
? Zahlreiche gegenseitige Urlaubsentdeckungen in Radebeul oder St. Ingbert. Selbst erinnere ich mich an Fahrradfahrten durch das wunderschöne Bliestal bis hinüber ins Französische. Nahezu unglaublich war dabei die Einkehr in eine kleine Gaststätte in der Nähe der Autobahn mit angrenzendem Reiterhof. Unter keinem Gericht auf der Karte konnten wir uns etwas vorstellen, doch
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anstatt komplizierter Erklärungen erfolgte die Einladung in die Küche zum Blick in die Töpfe verbunden mit einem kleinen Selbstgebrannten.
? Gegenseitiges Kennenlernen bei den Ingobertus- oder Weinfesten oder bei zahlreichen erlebnisreichen Bürgerfahrten.
? Ja, und zum 20. Jubiläum kam dann der Weinbau in die Bierstadt! Am bayri-schen Bahnhof gibt es seitdem einen kleinen Radebeuler Terrassenweinberg. Der jährliche gemeinsame Rebschnitt ist ein fester Fixpunkt des Jahres und schafft zugleich stets Verbindung bis ins ferne Italien, Camarotto sei Dank. Vielen Dank aber vor allem auch für die regelmäßige Bewirtschaftung übers Jahr an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtgärtnerei.
? Im Gegenzug erinnert seitdem eine historische Kohlelore in unserem sanier-ten Rathausareal an St. Ingberter Bergbautraditionen. Ergänzt wurde dies vor 14 Tagen durch die Einweihung von Partnerschaftsbänken. Ein Jeder kann jetzt auch sitzend den Erstkontakt zu unseren Partnerstädten aufnehmen.
? Oder da sind die Verwaltungsradtouren. Vor 10 Jahren fuhren dabei beide Pulks jeweils von ihrer Heimatstadt aus los, vereinigten sich im Hessischen in unmittelbaren Nähe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und rollten bei Regen, aber überglücklich als Team über die berühmte Glienicker Brücke in Berlin ein.
? Vieles ließe sich noch erwähnen, beispielhafte stadtverbindende Hochzeiten oder gemeinsam Sportbegegnungen, wie Nordic Walking in St. Ingbert oder Senioren-Schach-WM in Radebeul.
Allein diese Aufzählung zeigt, unsere Partnerschaft war und ist ein lebendige, eine, die die Menschen unserer Städte vielfältig miteinander verbindet und in Kontakt bringt, eine Partnerschaft, die die Neugier auf den anderen immer wie-der jung hält. Eben ein Reigen der lebendigen und gelebten (Partnerschafts-) MOMENTE.
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Doch auch DEMUT ist angezeigt.
In die Zeit unserer Partnerschaft fällt die Wiedervereinigung, das Wiederzusam-menwachsen unseres Landes. Von manch einem im In- und Ausland anfangs durchaus auch skeptisch beäugt wurde der Traum von Freiheit wahr. Und wozu wir in unserem Land in Freiheit fähig sind, zeigt die bis heute andauernde Soli-darleistung zur Unterstützung der Angleichung der Lebensverhältnisse und Le-bensperspektiven bei uns in den jungen Bundesländern.
Doch darüber sollten wir nicht jene vergessen, die das Geld für den Solidarpakt erwirtschaftet, aufgebracht haben und immer noch aufbringen, nämlich alle Ar-beitnehmer und Arbeitgeber über den Solizuschlag, den Bund, die westdeut-schen Länder und vor allem – und dies sei heute aus Anlass unseres Partner-schaftsjubiläums besonders hervorgehoben - alle Städte und Gemeinden in den etablierten westlichen Bundesländern.
Sie zahlen seit Jahren einen deutlichen Zuschlag zur sogenannten Gewerbesteu-erumlage. Für St. Ingbert beläuft sich dies auf Grund des recht hohen Gewerbe-steueraufkommens auf jährlich mehr als 2 Mio. EUR - Geld für den Solidarpakt und damit sinnbildlich auch für uns in Radebeul! Geld, welches man sicher gut selbst ausgeben könnte. Leider wird dies medial oft viel zu wenig gewürdigt.
Wären wir bereit, über einen so langen Zeitraum jährlich 2 Mio. EUR abzuge-ben? In dieser Größenordnung Solidarität zu leisten? Es höre jeder ehrlich in sich hinein …
Daher sind für mich drei Sachen wichtig:
Zum einen, wir haben als Land in einer historisch einmaligen Situation zusam-mengestanden und Verantwortung füreinander übernommen. Doch Solidarität ist stets ein Bündnis auf Zeit und so müssen auch Solidaritätszuschlag und diese
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Sonderbelastung der westdeutschen Städte und Gemeinden ohne Wenn und Aber Ende 2019 ersatzlos auslaufen.
Wer jetzt aus diesem Bündnis auf Zeit eine Dauerlast machen will – mit welcher Begründung auch immer, der entwertet nicht nur diese Solidarleistung, sondern er verspielt in meinen Augen vor allem Vertrauen der Menschen und gefährdet dadurch die Kraft, zukünftige Herausforderungen solidarisch zu meistern.
Zum Zweiten: Wir als Empfänger haben die Pflicht, mit dieser Solidarleistung verantwortungsvoll umzugehen. Ich denke, da müssen wir in Radebeul den Blick nicht schamvoll senken. Was wurde seitdem in unserer Stadt nicht alles geschaffen und geschafft! Unzählige Umbrüche, Neu- und Wiederanfänge ha-ben die Menschen gemeistert.
Wir konzentrieren diese zusätzlichen Mittel konsequent auf die Ertüchtigung un-serer jahrzehntelang sträflich vernachlässigten Basisinfrastruktur, auf Hauptstra-ßen, Schulen, Kitas oder auf unsere Feuerwehren. Zudem haben wir seit 2001 unseren in den 90er Jahren aufgehäuften Schuldenberg bereits mehr als halbiert und wir geben als Stadt stets nur das aus, was auf der Einnahmeseite real vor-handen ist –ausgeglichene Haushalte auch in Zeiten der kaufmännischen Buch-führung sind ein verlässlicher Eckpfeiler unserer Stadtpolitik.
Zum Dritten: Ich möchte den heutigen Anlass nutzen, um im Namen unserer Delegation, im Namen der Stadt Radebeul gegenüber allen St. Ingberterinnen und St. Ingberter Respekt und Ehrfurcht zu äußern, vor allem jedoch Ihnen aus tiefstem Herzen Dankeschön zu sagen.
Neben aufrichtigem Dank, Ehrfurcht und Respekt sollte uns dies aber gemein-sam auch zu DEMUT bewegen. Demut nicht jeden Tag wie im Märchen vom Fischer und seiner Frau immer mehr zu verlangen, sondern das tatsächlich Leist-bare dankbar anzunehmen.
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Ein gesamtdeutscher Kraftakt. Welches andere Land in Europa wäre dazu in der Lage? Mir fällt keines ein. Daher halte ich es mit einer der politischen Grundma-ximen des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau: „Ich will nie ein Nati-onalist sein, aber ein Patriot wohl. Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt, ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“ Ja, in diesem Sinne bin ich zutiefst stolz auf unser Deutschland.
*
Nach MOMENTE und DEMUT kommen jetzt abrundend die TRÄUME.
In den letzten 30 Jahren gab es viele Begegnungen, gemeinsame Treffen und Projekte, sind Bekanntschaften und teilweise auch Freundschaften gewachsen und dies nicht nur zwischen den Verwaltungen selbst, sondern auf vielen Ebe-nen: zwischen den Feuerwehren, zwischen Schulen und Chören, zwischen Par-teien, zwischen Menschen wie Du und Ich, gab es gemeinsame Konzerte, wurde sich in Notsituationen gegenseitig beigestanden.
Der Reiz einer deutsch-deutschen Partnerschaft in der heutigen Zeit ist gerade der unmittelbare Austausch ohne Sprachbarrieren, die Chance sich „bundesland-übergreifend“ kennen und verstehen zu lernen, sich manch Neues abzuschauen.
Es ist für mich ein ganz, ganz wichtiges Element der tagtäglichen gelebten deut-schen Einheit, dass man den Reiz am Kennenlernen, am Verstehen der lands-mannschaftlichen Vielfalt unseres Landes befördert. Die Einheit unseres Landes ist keine Selbstverständlichkeit, sondern immerwährende Herausforderung!
Für meinen Traum möchte zurückkommen zum Weinberg, einem Bild mit tiefer Symbolik: Irgendwie ist jede Partnerschaft, jede Städtepartnerschaft wie ein Weinberg. Sie muss gehegt und gepflegt werden, damit sich der gewünschte Er-trag einstellt. Umso älter der Weinstock, umso reifer, umso edler der Wein. Kein Jahr ist wie das andere.
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Danke allen, die über die vergangenen zwei Jahrzehnte am Wachsen und Gedei-hen unserer Städtepartnerschaft mitgewirkt haben – verbunden mit der Hoff-nung, dass es immer wieder Menschen geben möge, die die Pflege unseres Part-nerschaftsweinberges zu ihrer eigenen Verpflichtung machen, auf das er auch weiterhin reiche Frucht für unsere beiden Städte, unsere Bürgerinnen und Bür-ger tragen möge. Packen wir es auch zukünftig gemeinsam an! Bleiben wir neu-gierig aufeinander, es gibt noch so viel zu entdecken!